Theater ASPIK ist eine freie Theatergruppe aus Hildesheim, die als Kollektiv interdisziplinäre Produktionen in unterschiedlichen Formaten entwickelt und als Eigenproduktionen, sowie als Koproduktionen mit verschiedenen Häusern oder anderen Institutionen, zur Aufführung bringt. Das Ensemble erhielt 2000-2012 eine Konzeptionsförderung vom Land Niedersachsen. Organisiert ist Theater ASPIK als GbR mit acht Gesellschaftern. 

Von 2012-2014 hat Theater ASPIK zusammen mit dem Staatsschauspiel Dresden im Rahmen einer zweijährigen Förderung aus dem Doppelpass-Programm der Bundeskulturstiftung zwei Großprojekte im ländlichen Raum von Sachsen entwickelt. Und jeweils einmal im Jahr erarbeitet das Team von Theater ASPIK außerdem ein Landschaftstheaterprojekt mit zahlreichen Laiendarstellern in Kooperation mit dem „Forum für Kunst und Kultur" in Heersum.

Die Gruppe wurde bereits 1988 von AbsolventInnen der Kulturwissenschaften der Universität Hildesheim gegründet, als eines der ersten freien Theater, die aus diesem Studiengang hervorgegangen sind. Später sind auch Schauspieler/Tänzer/Musiker aus anderen Zusammenhängen dazu gekommen. Seit 2002 arbeitet ASPIK kontinuierlich mit dem gleichen Kernensemble.

 


aktuelle Produktionen:

Point of no return (2015)

Projektionen menschlicher Sehnsüchte sind durch die digitalen Medien allgegenwärtig geworden. Immer neue Chancen und Verprechungen bilden einen verwirrend wuchernden, verheißungsvollen Dschungel. Doch je größer die Bandbreite der Optionen und scheinbar verpassten Gelegenheiten, desto aufgeladener das Wunschbild der einmaligen, entscheidenden Begegnung, die das Leben in eine Bahn lenkt, für immer verändert und der Verwirrung ein Ende setzt. Im Windschatten von Freiheit und konsumistischer Entgrenzung wächst die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, Tabula Rasa, nach Erlösung vom Wirrwarr der Möglichkeiten – verkörpert im idealen Lebenspartner. Angelehnt an Francois Truffauts Film „Mississipi Mermaid“ erzählt Theater ASPIK die Geschichte zweier Menschen, die sich bis ins hohe Alter rettungslos ineinander verhaken: Das Paar findet sich über eine Annonce und schwört sich ewige Liebe, noch vor der ersten Begegnung. Als sich aber herausstellt, dass sich hinter ihren Namen andere Identitäten verbergen, wird ein kriminalistisches Drama in Gang gesetzt, das die beiden nicht auseinander bringt, sondern erst recht fatal zusammenschweißt.

„La sirène du Mississipi“ ist ein Film Noir von François Truffaut aus dem Jahr 1968. Darin verkörpern die französischen Stars Catherine Deneuve und Jean-Paul Belmondo zwei Figuren, die in scharfem Widerspruch stehen zu ihrem Image und den Geschlechterbildern ihrer Zeit. Truffaut, der das Drehbuch auf der Basis des amerikanischen Kriminalromans „Waltz into Darkness“ von Cornell Woolrich entwickelte, hat diese Provokation bewusst gesucht. Fast 50 Jahre später reizt auch uns – auf ganz andere Weise – das Spiel mit geliehenen Identitäten, Projektionen und Oberflächen – und die Frage nach dem, was wir im Gegenüber suchen.

Dafür hat Theater ASPIK das Road Movie um ein Pärchen, das sich selber nicht über den Weg traut, von Grund auf verändert und einen dritten Protagonisten eingeführt, der den Handlungsstrang der Täuschungsmanöver vorantreibt und findet, wonach die beiden anderen ihr Leben lang vergeblich suchen. Alle Figuren und ihre Motivationen sind in unserer unübersichtlichen Gegenwart angekommen. Und aus einer Geschichte, die sich ursprünglich innerhalb weniger Monate abspielt, wird eine Jahrzehnte währende, lebenslängliche Groteske.


Kirschgarten zu verkaufen (2013)

Sie sehen tatenlos zu, wie ihnen die Felle davon schwimmen. Sie lassen sich treiben und waten durch ihre versinkende Welt, als wäre das alles schon immer so gewesen: Leonid Gajew, Dunjasa, Ljubov Ranjewskaja und Ermolaj Lopachin.
100 Jahre nach der Uraufführung sind nur noch vier einsame Existenzen übrig geblieben vom üppigen Personal in Tschechows Kirschgarten. Vier lebenshungrig-verlorene Zeitgenossen, die in ihren Erinnerungen baden gehn und nicht wahrhaben wollen, dass sie nicht schwimmen können. Sie beschweren sich, sie jammern, sie feiern und hoffen und trösten sich damit, dass ihnen das Wasser immer noch nicht ganz bis zum Hals steht. Und angesichts der drängenden Entscheidungen tauchen sie lieber ab und verstricken sich in emotionale Nöte, anstatt das Notwendige zu tun.


Speicher / Ebbe der Erinnerung (2014)

Sie schwirrt durchs Web, sie schwebt auf Clouds, sie flackert milliardenfach durch die sozialen Netzwerke: Digitalisierte Erfahrungsmasse – ausgelagert, aber jederzeit verlustfrei verfügbar. Unsere mentalen Erinnerungen sind demgegenüber sprung- und lückenhaft, fragmentarisch, subjektiv und ständig in Bewegung. Bei jedem Abrufen werden sie neu angeordnet, bewertet und dann von Neuem ins Gedächtnis eingeschrieben: ein Prozess, der zeitlebens in Gang bleibt und unsere Identität ausprägt.
Immer öfter helfen digitale Speichermöglichkeiten dem Gedächtnis auf die Sprünge – und besetzen zunehmend Lebensbereiche, für die bisher das Erinnerungsvermögen zuständig war. Schon 1997 hat sich der Computeringenieur Gordon Bell mit dem epochalen Microsoft-Rechercheprojekt „MyLifeBits“ zum Ziel gesetzt, sein Leben so umfassend wie möglich zu digitalisieren und damit der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen: Programme archivieren seine Webaktivitäten, Telefonate und Vorträge, die gehörte Musik, das gesehene Fernsehprogramm, und eine Kamera fotografiert automatisch die Begegnungen mit seiner Umwelt. Aber auch jenseits wissenschaftlicher Experimente verändern digital vordokumentierte Abenteuerreisen oder digitale Grabsteine bereits heute die Aufgabenbereiche für unser althergebrachtes Gedächtnis. Bevor wir irgendwann Speichern mit Erinnern verwechseln, taucht Theater Aspik noch einmal ein in die Welt der analogen Erinnerung: In das Verschwommene, Hybride, Sprunghafte, nur bruchstückhaft Glasklare, ins wild Phantasierende, Unzuverlässige. In die Welt der Neuinterpretationen und der leeren Seiten.